René Graf
Direktor des Departements Architektur, Holz und Bau der Berner Fachhochschule, Biel
Bild AHB-BFH
Herr Graf, welche Vorteile bietet das Bauen mit Holz gegenüber dem üblichen Betonbau?
Ich möchte vermeiden, ein Material gegen das andere auszuspielen. Als Werkstoffingenieur habe ich ein Interesse, die Baustoffe dort einzusetzen, wo sie Sinn machen. Für gewisse Applikationen hat Holz eindeutige Vorteile. Zum Beispiel überall, wo mit hohem Vorfertigungsgrad Qualität und Effizienz erhöht sowie Bauzeit reduziert werden kann, oder wenn das Gewicht eine Rolle spielt wie zum Beispiel bei Aufstockungen, und weiter auch, wenn das Wohnklima wichtig ist. Radikale Materialisierungen machen kaum Sinn. Viel gescheiter ist es, wenn die Baustoffe nach Eigenschaft in hybriden Bauweisen zusammengebracht werden.
Kann man Holzbauten punkto Energieeffizienz so gut bauen wie Bauten aus anderen Materialien?
Die Energieeffizienz ist nicht primär mit der Materialisierung verbunden. Für eine energieeffiziente Bauweise ist primär wichtig, dass das Baukonzept von Anfang an das Thema Energie aufgreift. Holz bietet allerdings einige Vorteile gegenüber Stahl oder Beton. Unter anderem können die lokale Versorgung, die tiefe Masse und die entsprechend tiefe graue Energie erwähnt werden. Und Holz ist ein nachwachsender Rohstoff mit einer neutralen CO2-Bilanz.
Betonbauten halten Hunderte von Jahren. Auch Holzbauten?
Es gibt genügend Beispiele von Holzbauten, welche mehr als hundert Jahre alt sind. Aber die wichtigen Fragen lauten eher: Wie lange sollte ein Gebäude halten? Wie flexibel soll ein Bauobjekt gebaut werden? Wenn wir die bestehende Bausubstanz anschauen, sehen wir lauter Objekte, welche in Massivbauweise in den letzten fünfzig Jahren erstellt wurden. Diese halten wohl noch eine Weile, genügen jedoch nicht mehr den aktuellen Anforderungen und müssen mit viel Aufwand saniert werden. Der Holzbau bietet diesbezüglich grosse Vorteile: Dank Systembau mit Holz kann rasch und flexibel umgebaut und saniert werden. Die Bedürfnisse verändern sich mit der Zeit stark. So wie wir heute bauen, werden wir in dreissig Jahren kaum mehr bauen. Ein Gebäude sollte demnach mehr leisten, als hundert Jahre zu halten. Es muss den Umständen entsprechend einfach und kostengünstig angepasst werden können. Dafür ist der Holzbau besonders geeignet.
Holz gibt es ja vielerlei. Welche Holzarten sind für den Hausbau besonders geeignet?
Da kommt es auf den Anwendungsbereich an. Für das Tragwerk wird heute hauptsächlich Nadelholz verwendet. Es laufen zurzeit europaweit einige Forschungsprogramme, die sich mit dem Thema der Verwendung von Laubholz für statische Zwecke auseinandersetzen. Im Fassadenbereich werden hauptsächlich Lärche, Eiche oder Robinie wegen ihrer natürlichen Dauerhaftigkeit eingesetzt. Im Innenausbau werden unterschiedliche Nadel- und Laubhölzer verwendet. Dort stehen eher gestalterische Elemente im Vordergrund. Kurz gesagt: Jede Holzart ist verwendbar, sei es mit Massivholz oder mit Holzwerkstoffen, basierend auf Furnieren, Fasern oder Spänen. Wichtig ist auch hier, dass die Eigenschaften mit den Anforderungen übereinstimmen.
Welches sind neue Entwicklungen und Tendenzen im Holzbau?
Die meisten Fragen im Bereich Brandschutz sind geklärt. Die aktuelle Forschung beschäftigt sich unter anderem mit Fragen des Schallschutzes, des Bauens im Bestand, der hybriden Bauweisen, der wirtschaftlichen und ökologischen Effizienz sowie der Produktions- und Fertigungstechnik. Insbesondere beim Bauen im Bestand sehe ich grosse Chancen für den Holzbau. Das Thema der Verdichtung ist in aller Munde. Dort muss Holz eine zentrale Rolle spielen.
Woran wird an der Fachhochschule Biel in Sachen Holz geforscht?
Einzelne Themen habe ich oben bereits erwähnt. Ergänzen kann ich noch die ganze Materialforschung und die Schnittstelle zur Architektur. Unsere Materialforscher beschäftigen sich mit der Entwicklung von leichten und ökoeffizienten Bauprodukten, von effizienten Verbindungs- und Verklebungstechniken und von innovativen und nachhaltigen Baustoffen. Besonders wichtig scheint uns aber die Schnittstellen zur Architektur und zur Produktion. Dort investieren wir seit einigen Jahren viel Energie und entwickeln in Lehre und Forschung spannende Projekte. Wir versuchen dabei die Grenzen des klassischen Holzbaus zu sprengen und verbinden ihn mit modernen Planungs- und Produktionswerkzeugen. Die Vision ist ein integrierter, flexibler und effizienter Prozessfluss, der die gesamte Kette Planung–Produktion–Aufbau–Umbau und Rückbau abdeckt. Das Potential ist riesig, und die Zusammenarbeit zwischen Architekten und Ingenieuren macht enorm Spass.
Die Sanierung des Gebäudeparks ist eine wichtige Aufgabe. Wie kann Holz bei Sanierungen eingesetzt werden?
Den Punkt habe ich oben bereits erwähnt. Wobei nicht nur die Sanierung betrachtet werden sollte, sondern genereller das Bauen im Bestand. Wenn der Bedarf nach Sanierung aufkommt, sollte gut überlegt werden, ob ‹nur› energetisch saniert wird oder ob es nicht sinnvoller wäre, das gesamte Gebäudekonzept zu überprüfen. Dabei gilt es insbesondere die Themen der Verdichtung, der Aufstockung und des Raumprogramms unter die Lupe zu nehmen. Holz als flexibler und leichter Baustoff ist für das Bauen im Bestand besonders geeignet. Mittlerweile erlauben es die modernen Produktionstechniken, Einzelfertigungen hochautomatisiert und kosteneffizient herzustellen. Somit werden Zeit, Kosten und Qualität gleichzeitig optimiert.
Leicht gekürzte Wiedergabe des Interviews für energie-cluster.ch vom 20.8.2014 mit freundlicher Genehmigung der Urheber. Titel und Lead stammen von der Redaktion Lignum Journal online.
Link www.ahb.bfh.ch
BauHolzEnergie-Messe 2014
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