Zweites Leben für Holz
Oben: Sofa, Sessel und Salontisch von Piet Hein Eek, bei Ecodesignhome in Zürich (www.ecodesignhome.ch). Unten links: Bad, gehauen, von Bieri AG in Weissenburg (www.bieriag.ch). Unten rechts: Schubladenmöbel von Zweitform in Zofingen (www.zweitform.ch).
Bilder Ecodesignhome (1), Bieri AG (1), Zweitform (1)
Unsere rundum moderne Lebenswelt kennt eine eigentliche Lust am Alten als Gegenströmung zur Flut des immer Neuen. Deutlich sichtbar wird sie nicht nur in der Kleidermode, sondern auch im Wohnen. Altbauten, vom Fachwerkhäuschen bis zum Schloss, sind mit Romantik belegt, ebenso wie Teile davon: Gebrauchte Landhausdielen, Terracottafliesen oder alte Kachelöfen werden gern liebevoll in neue Umgebungen verpflanzt.
Auch im Möbelbereich gibt es ein Flair für die Vergangenheit – aus verschiedensten Motiven und in allen Preislagen. Nicht nur Studenten begutachten das Möbelangebot im Brockenhaus. Der alte Beizentisch mit passenden Stühlen ist eine Vorstellung, die viele anspricht. Klassiker, die unter dem Label ‹Vintage› für gutes Geld die Hand wechseln, aber auch echte Antiquitäten sind gesucht.
Ecodesign-Pionier aus Holland
Besonders sticht jedoch derzeit die Vorliebe für Einrichtungsstücke ins Auge, die nicht einfach Altmöbel sind, sondern aus disparaten Altholzteilen neu verfertigt wurden und dies auch offen zeigen. Sie verstehen sich als Manifest für die Wiederverwendung von Wertstoffen in ehrlicher Gestaltung, als Recycling mit ästhetischem Anspruch, und treffen damit offenbar einen Nerv der Zeit.
Eine Vordenkerrolle in der kreativen Nutzung von Altholz für das Wohnen spielt ohne Zweifel der Niederländer Piet Hein Eek. 1967 geboren, studierte er Industriedesign in Eindhoven. Als Diplomarbeit präsentierte er 1990 eine Serie von Schränken aus Altholz, womit er einen Boom lostrat – indem er dem Unvollkommenen gegen den damaligen puristisch-minimalistischen Mainstream des ‹Dutch Design› zu seinem Recht verhalf. Piet Hein Eeks Entwürfe, Möbel und ganze Interieurs, in ihrer Erscheinung durchgeformt und sorgfältig von Hand gefertigt, verkaufen sich mittlerweile längst in ganz Europa und darüber hinaus bis nach Nordamerika und Ostasien. In der Schweiz sind sie exklusiv bei Ecodesign Home in Zürich zu haben.
In ihrem grossen Showroom im Zürcher Binzquartier hat Cora Ruoss ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht und präsentiert Liebhaberstücke des niederländischen Designers. Seine Tische, Sofas, Kommoden und Leuchten werden in der Schweiz stark nachgefragt, wie Cora Ruoss erklärt: ‹Die Leute suchen gezielt Unikate, die Akzente setzen und sich gut mit einer bestehenden Einrichtung kombinieren lassen.› Cora Ruoss‘Angebot umfasst neben Werken von Piet Hein Eek auch Möbel und Accessoires einiger anderer Designer, die sich ebenfalls dem Ecodesign verschrieben haben. So finden sich bei ihr etwa handgefertigte Möbel und Wohnaccessoires der Niederländerin Debbie Wijskamp sowie des Belgiers Jens Praet. Sie stellen Kommoden und Tische aus gepresstem und geschreddertem Papier aus.
Second Life für Möbel in Zofingen
Bei Zweitform in Zofingen erhalten alte Elemente ein neues Leben als Teil einer Möbel-Neukreation. Gefasst in MDF oder Sperrholz, wird zum Beispiel aus den Schubladen von Grossvaters Werkzeugschrank ein neues, schlichtes Sideboard in trendiger und flexibler Gestaltung. Die aus alten und neuen Bestandtteilen entstehenden Entwürfe erzählen ihre ganz eigene Geschichte und müssen dabei nichts verbergen: Abnutzung darf sichtbar sein, der frühere Zusammenhang bleibt erkenntlich.
Hinter Zweitform steht der junge Innenarchitekt und Schreiner Marc Riedo. Seine Fachkenntnisse garantieren für sorgfältige Verarbeitung und gute Gestaltung. Riedo verfügt über einen reichen Fundus an alten Schubladen, die sich frei kombinieren lassen. Sein Ansatz, Unikate zu schaffen, eröffnet den Kunden aber auch Wege zum ganz persönlichen Möbel: Wer zu Hause Schubladen aus einem guten Stück hortet, das aus dem Leim gegangen ist, kann damit in Zofingen auch ein kompromisslos eigenes Zweitform-Möbel in Auftrag geben.
Wie Cora Ruoss kann auch Marc Riedo nicht über mangelnde Nachfrage klagen. Sein Konzept spricht die Kunden ohne viele Erklärungen direkt emotional an: ‹Die Käufer verstehen genau, was hinter Zweitform steckt, Nachhaltigkeit und die Bewahrung von Erinnerungsgütern, die Mischung zwischen Geschichte und uneingeschränkter Neugestaltung des eigenen Möbels›, erklärt Riedo.
Gediegene Wohnumgebung mit Altholz
Dass Altholz nicht nur für experimentelle Einrichtungsstücke, sondern auch für traditionell-gepflegte Innenausbauten und Möbel etwas hermacht, beweist die Schreinerei Bieri AG in Weissenburg. Seit vier Jahrzehnten ist sie auf individuelle Aufträge mit Original-Altholz spezialisiert: Wände und Decken, Böden und Parkett, Küchen und Bäder, Türen, Möbel und Schränke, Einlegearbeiten, Treppen und vieles mehr entstehen in dem Betrieb mit 21 Mitarbeitenden im Simmental. Original ist das Material nach Verständnis des Betriebs dann, wenn das Altholz die alte, handbearbeitete Oberfläche behält, erklärt Geschäftsführer Michael Bieri.
Das Rohmaterial, zumeist Fichten- und Tannenholz, stammt aus alten Häusern. Es hat dort mindestens hundert Jahre, oft aber auch viel länger in Gebrauch gestanden. Die gewonnenen Bretter und Balken werden nach verschiedenen Kriterien sortiert und gelagert. Dadurch lässt sich das genau richtige Holz für einen bestimmten Auftrag leichter aufspüren. Der Anwendungsbereich der vorgefundenen Hölzer richtet sich dabei meist nach dem ursprünglichen Gebrauch des Altholzes: Bretter von Decken werden wieder zu Decken oder Wänden und Böden zu Böden verarbeitet – in aufwendiger Handarbeit und oft mit alten Verfahren und Werkzeugen, um ein authentisches Produkt zu schaffen.
Der Unterschied zu den zuvor vorgestellten Altholzmöbeln: In der Arbeitsweise der Schreinerei Bieri entsteht aus dem Puzzle des Lagers nicht eine effektvolle Kombination von deutlich Verschiedenem, sondern es wird konsequent Passendes zueinandergefügt, um eine einheitliche Wirkung zu erzielen. So entsteht immer ein in sich schlüssiges, harmonisches Ganzes.
Auch der diplomierte Holzingenieur Bieri ist mit dem Erfolg zufrieden: ‹Seit 40 Jahren sind Altholz-Innenausbauten unser Hauptgeschäft. Die Trends wechseln immer ein wenig, im Grundsatz bleibt es aber über die Jahre gleich. Wir haben keine Nachfragesorgen und konnten in den letzten Jahren mangels Kapazität bei weitem nicht alle Aufträge annehmen›, erklärt Bieri.
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Die technische Beratung der Lignum erteilt unter Tel. 044 267 47 83 von Montag bis Freitag jeweils morgens von 8–12 Uhr kostenlos Auskunft zu allen Fragen rund um Holz und Holzwerkstoffe.