Wege aus der aktuellen Baukrise: Kongress in Stuttgart
Der Süddeutsche Holzbaukongress als Treffpunkt für Baden-Württemberg mit 53 Fachausstellern in der Schwabenlandhalle befasste sich diesmal mit den Oberthemen Holzbau im Schulbau, im Verwaltungs- und im sozialen Wohnungsbau. Neben Projektvorstellungen ging es dann noch um Spezialthemen aus den Bereichen Serielles Bauen, Gebäudetechnik und Kreislaufwirtschaft. Und einige Vorträge befassten sich mit dem Stand auf Baustellen von Objekten für die Internationale Bauausstellung ‹IBA 2027› in der Stadtregion Stuttgart.
Bilder Forum Holzbau
Michael Grömling vom Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln zeigte am 2. Juli zum Auftakt die Probleme des Wirtschaftsstandorts Deutschland auf. Immerhin: Bei den grossen Betrieben der Holzbaubranche, die im Objektgeschäft überregional oder auch international tätig sind, ist die Auftragslage noch gut. Aber im Handwerksbereich schmelzen die Auftragsbestände ab, weil viele Investoren, darunter auch die Sanierer, sparen und ihre Projekte aufschieben oder sogar abblasen – und wohl auch, weil grosse Bauprojekte kleine Handwerksbetriebe überfordern und diese wohl noch nicht die Notwendigkeit sehen, sich zu Arbeitsgemeinschaften zusammenzuschliessen.
Zur Baukrise hat sich mittlerweile eine Industriekrise hinzugesellt. Der Dienstleistungssektor habe die gesamtwirtschaftliche Wertschöpfung letztes Jahr gerade noch so weit auffangen können, wie sie im Industriebereich verlorengegangen sei, berichtete Grömling. Bei den Empfehlungen für Wege, wie Deutschland wieder in Schwung kommen könnte, hatte Grömling nicht viel Konkretes anzubieten. Unter den aktuellen Rahmenbedingungen mit neuer internationaler Blockbildung und militärischen Konflikten sei es illusorisch, dass Deutschlands freihandels- und exportorientierte Wirtschaft auf den gewohnten Wachstumspfad zurückfinde, so Grömling. Vieles müsse sich ändern – auch strukturell.
Wird KI die Bauwirtschaft retten?
Wenn es um Wege aus der Krise geht, fällt an vielen Stellen die Forderung nach mehr Digitalisierung und KI-Einsatz. Jörn Plönnings, IT-Professor an der Uni Rostock, dämpfte die Erwartungen, dass KI oder eine andere einzelne Technologie die aktuellen Probleme der Wirtschaft – oder spezifisch der Bauwirtschaft – lösen könnte. Letztere sei ja auch nicht besonders digital, in Sachen Produktivität im Vergleich zum IT-Sektor zudem stark zurückgefallen – mit Ausnahme eines Teils der Holzbauunternehmen, die digital planen und daraus einen Wettbewerbsvorteil ziehen.
Die Masse an Daten, die man heute mit leistungsfähigen Prozessoren und über das Internet gewinne, sei kaum noch auszuwerten, so Plönnings. Bei der Zusammenfassung von Daten sei ein KI-Einsatz aber sehr sinnvoll. Bis es aber soweit sei, dass KI komplexe Bauaufgaben übernehmen könne, sei noch ein ganzes Stück Wegstrecke an Entwicklungsarbeit nötig, auch wenn die Entwicklung viel schneller verlaufe als in anderen Technologiefeldern und die gesellschaftliche Akzeptanz hoch sei. Wenn man sich einzelne KI-Agenten zusammenbaue und diese verkette, seien bald auch komplexere Aufgaben lösbar – etwa eine schnelle erste Kostenabschätzung für Bauprojekte.
‹Keine Tristesse in Serie›
Auch der seriellen Fertigung von Gebäuden und Elementen wird vielfach hohe Bedeutung zur Druckentlastung im Wohnungs- und Mietmarkt zugeschrieben. Fabian Viehrig als Vertreter des Wohnungsunternehmensverbands GdW bestätigte dies im Prinzip, weil der systemische Produktionsansatz die Möglichkeit der Baukosteneinsparung durch industrielle Fertigung und Wiederholungseffekte bietet. Viehrig erinnerte die Baubranche – und in Fellbach besonders die Holzbaubranche – aber daran, dass es in vielen Regionen mit Wohnungsmangel um den Bau bezahlbarer Wohnungen gehe. Wenn die leistbaren Kosten nicht auf den Tisch kämen, werde eben nicht gebaut.
Politik und Wirtschaft sollten das Vergaberecht entschlacken, damit mit Modellgebäuden auch tatsächlich gebaut werde. Der GdW wolle aber keine ‹Tristesse in Serie›, sondern ‹die langlebigsten und schönsten Gebäude zu leistbaren Kosten›. Viehrig: ‹In Deutschland haben wir durch unsere Juristerei, aber auch den Umgang mit Normen den Blick für das Funktionale verloren.› Beim GdW sieht man Möglichkeiten, die hohen Baukosten durch bewusstes Weglassen ein Stück abzusenken – jedoch nicht unendlich.
Einfacher ist nicht immer einfach
Die Philosophie vereinfachten Bauens scheint aber bisher bei den wenigsten Bauherren zu fruchten. Diesen Eindruck hat zumindest LiWood-Geschäftsführer Christian Czerny aus München, der über Wohnungsneubau durch MFH-Bestandsaufstockungen und die Möglichkeit der Quartiersverdichtung mit Kopfbauten berichtete. Czerny sieht sich als Bauunternehmer des Modulbaus weiterhin eher mit individuellen Bauwünschen der Kundschaft konfrontiert.
Heiko Seen, Geschäftsführer der Zimmerei-Kooperation ‹Holzunion›, nahm die Kongressteilnehmer mit in das schwierige Bestandssanierungsgeschäft zu Wohnblöcken aus der Nachkriegszeit. Einen Höhepunkt der Tagung stellte zweifellos die Präsentation des Verwaltungsneubaus ‹Karla› in Karlsruhe dar. Hier entsteht Deutschlands aktuell höchster Holzbau – mit später 90 m Endhöhe. Und eine Investorin aus Hamburg-Norderstedt, die Firma Leukos, präsentierte Pläne für ein Umbau- und Aufstockungsprojekt in Lübeck. Leukos will in den kommenden Jahren eine nicht mehr genutzte Hotelimmobilie in Innenstadtlage zu Mietwohnraum umwandeln und mit Holzmodulbau die Zahl der Wohnungen noch vergrössern.
Wiederverwendung von Stahl- und Holzbauteilen
Im abschliessenden Block am Nachmittag des 3. Juli ging es um Aspekte der Kreislauffähigkeit von Baustoffen und Gebäuden. Philipp Dietsch stellte den neuen Praxis-Leitfaden (PDF, 2.29 MB) zur Wiederverwendung tragender Stahl- und Holzbauteile vor, den KIT und TUM im Auftrag des Bauministeriums in Stuttgart erarbeitet haben. Am Vormittag hatte Henning Ernst vom Tragwerksplaner SWG Engineering ein rückbaubares Holz-Beton-Verbunddeckensystem vorgestellt, das beim Neubau der GEMA-Zentrale in Berlin eingesetzt wurde.
Separat hergestellte Holz- und Stahlbetonelemente wurden noch im Beton-Fertigteilwerk von Gustav Epple zu HBV-Deckenelementen verschraubt und als Fertigelemente auf die Baustelle geliefert. Sie wurden dort in sehr kurzer Montagezeit und ohne weitere Verbindungsmittel oder Verguss eingesetzt. Sowohl die HBV-Elemente als auch ihre Holz- und Stahlbetonteile können (letztere dank lösbarer Schraubverbindung) später einer Zweitverwendung zugeführt werden.
Die digitalen Tagungsunterlagen stehen auf der Website forum-holzwissen nach Registrierung zum Download zur Verfügung. Der Vierte Süddeutsche Holzbau Kongress wird am 1. und 2. Juli 2026 wiederum in Stuttgart-Fellbach stattfinden.