Lignum Holzwirtschaft Schweiz

Kreislauffähig gebaut mit Holz unterm Schilfdach

Das Einfamilienhaus mit Schilfdach des Schweizers Gilbert Berthold demonstriert im österreichischen Weiden am See eindrucksvoll, wie zirkuläres Bauen mit lokalen, regenerativen Materialien gelingt. Das Projekt war am diesjährigen Holzbautag Biel der unangefochtene Liebling des Publikums in der Vorstellungsrunde neuer Bauten von Planern U-40.

Das Einfamilienhaus von Jacobus van Hoorne mit Schilfdach am Neusiedler See in Österreich zeigt, wie lokale Naturmaterialien Architektur und Ökologie überzeugend verbinden. Der innovative Schilfdachaufbau wurde in Österreich behördlich zugelassen – ein Meilenstein für Naturmaterialien im Neubau. Das Gebäude ist in diesem Sinne auch ein Reallabor für nachhaltiges Bauen.
Bilder BFH

 

Das vom Zürcher Architekten Gilbert Berthold realisierte Wohnhaus von Marina Rosa und Jacobus van Hoorne wurde 2024 mit dem Bauherrenpreis der Zentralvereinigung österreichischer Architekten und dem Architekturpreis des Landes Burgenland 2025 ausgezeichnet.

2025 erhielt es zudem den Newcomerpreis bei ‹Häuser des Jahres› und wurde von ‹Trend› und ‹Architektur Aktuell› als ‹Beste Architektur Österreichs› prämiert. Mit seinem konsequenten Holzbau und einem Schilfdach als prägendem Element verbindet es architektonische Qualität mit ökologischer Verantwortung – regenerativ, lokal und klimaschonend.


Ein Teilchenforscher positioniert Schilf neu

Bauherr Jacobus van Hoorne verkörpert den Forschergeist, der diesem Projekt zugrunde liegt. Nachdem er mehrere Jahre als Teilchenphysiker am CERN gearbeitet hatte, entschied er sich 2017, den Schilfschneider- und Schilfdachdeckerbetrieb seines Vaters im Burgenland zu übernehmen.

Sein Ziel war es, dem traditionellen Handwerk neue Perspektiven zu eröffnen und das Potential von Schilf im zeitgenössischen Bauen unter realen Bedingungen zu beweisen. Gemeinsam mit Berthold entwickelte er einen Dachaufbau, der strengen Brandschutzauflagen standhielt und durch Realbrandversuche in Wien behördlich freigegeben wurde.


Gedreht und gekrümmt: clever konzipierte Architektur

Architektonisch überzeugt das Haus durch eine klare Verbindung von Geometrie und Material. Der Grundriss folgt einem S-förmigen Verlauf, der aus der Drehung des zentralen Wohnraums hervorgeht.

Das zweigeschossige Atrium bildet das Herz des Hauses: lichtdurchflutet, zum Garten hin geöffnet und durch grosszügige Terrassen mit dem Aussenraum verbunden. Die Funktionsräume sind kompakt angeordnet, wodurch der Wohnraum um so grosszügiger wirkt.

Die Dachkonstruktion mit parallel geführten Sparren spannt sanfte, gekrümmte Flächen auf, die sich gut für die Schilfdecke eignen. Jeder zusätzliche Neigungsgrad verlängert dabei die Lebensdauer des Daches um etwa ein Jahr – ein architektonisches Detail, das eng mit der Materiallogik verknüpft ist.


Wohnhaus, Studienobjekt, Ausstellungsraum

Die enge Zusammenarbeit zwischen Bauherr und Architekt war entscheidend für die Realisierung. Für Berthold markierte das Projekt den Einstieg in seine Selbstständigkeit, die er nach vielen Jahren als Projektleiter in Zürich wagte.

Über digitale 3D-Modelle konnte er die Vorfertigung des Holzbaus präzise begleiten und dadurch eine hohe bauliche Qualität sicherstellen. Heute dient das Gebäude nicht nur als Wohnhaus, sondern auch als Studienobjekt und Ausstellungsraum für nachhaltiges Bauen.

Es liefert Erkenntnisse zum Verhalten biobasierter Materialien, zur Energieeffizienz und zum Raumklima. Gleichzeitig fungiert es als Demonstrationsbau, der zeigt, dass Schilf auch in einer Neubausiedlung Bestand haben und Strahlkraft entwickeln kann.


Links gilbertberthold.com | bfh.ch