Forscher messen weniger Stammwachstum trotz längerer Saison
Das Baumwachstum beginnt immer früher im Jahr. Führt die Verlängerung der Wachstumsperiode aber auch zu einer höheren Kohlenstoffspeicherung? ‹Leider nein›, sagt Arun K. Bose, Ökologe an der WSL. Er hat insgesamt 228 Bäume an 48 Schweizer Waldstandorten untersucht. Die Daten stammen aus hochaufgelösten Messungen des internationalen Beobachtungs- und Forschungsnetzwerks ‹TreeNet›. Dieses verwendet Punktdendrometer, am Stamm befestigte Messinstrumente, die kleinste Änderungen des Stammdurchmessers erfassen (Bild).
Bild Roman Zweifel, WSL
Bose hat in seiner Studie das Wachstum von fünf der häufigsten Baumarten in der Schweiz ausgewertet. ‹Über die letzten elf Jahre hat sich die Vegetationsperiode um mehrere Tage nach vorne verschoben. Das ist der Zeitraum des Jahres, in dem Bäume Fotosynthese betreiben können›, erklärt Bose. Der frühere Saisonstart führe aber nicht automatisch zu mehr Wachstum – im Gegenteil.
Zwischen 2012 und 2022 ging das jährliche Stammwachstum bei vielen Beständen zurück. Der Grund: Vermehrte Hitzewellen und Trockenphasen setzen Bäume unter Stress und hemmen ihr Wachstum. Der Rückgang ist bei Weisstannen, Buchen und Fichten besonders ausgeprägt, während Eichen und Föhren weitgehend gleich gut wuchsen. Fest steht aber: Keine der untersuchten Baumarten profitierte vom wärmeren Klima.
Sommerhitze und Trockenheit können alles blocken
Bäume wachsen, wenn genügend Wasser verfügbar ist. Ist es zu heiss und zu trocken, wird mehr Wasser verdunstet, als über die Wurzeln aufgenommen werden kann – der Baum gerät unter Stress, und das Wachstum stoppt. Pro Jahr bleiben somit je nach Baumart und Witterung nur 40 bis 110 Wachstumstage übrig.
‹Am Schluss entscheiden einzelne Tage und Stunden, wieviel ein Baum wächst›, sagt Bose. ‹Fallen einige durch vermehrte Hitze- und Trockenperioden weg, fehlt ein grosser Teil des jährlichen Stammzuwachses.› Anders gesagt: Ein früherer Start nützt wenig, wenn Hitze und Trockenheit die kritischen Wachstumsphasen verkürzen.
Folgen für Kohlenstoffspeicher und Waldwirtschaft
Das hat Folgen für die Leistungen, die Wälder erbringen. Bäume nehmen CO2 auf und speichern es im Holz. Einfach gesagt: Je grösser der Stammdurchmesser, desto mehr Kohlenstoff ist in einem Baum gebunden. Wenn die effektive Wachstumszeit der wichtigsten Arten abnimmt, sinkt somit auch die Aufnahmekapazität.
Auch die Waldwirtschaft ist betroffen. Werden die Sommerhalbjahre wärmer und trockener, können Forstbetriebe tendenziell weniger Holz ernten. Zudem muss die Bewirtschaftung den klimatischen Veränderungen angepasst werden. ‹Wie Bäume auf den Klimawandel reagieren, hängt sowohl vom Standort als auch der Art ab. Deshalb ist es wichtig, Management-Strategien lokal und artenspezifisch zu beurteilen›, betont Bose.
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