Lignum Holzwirtschaft Schweiz

Alpine Fichten machen in der höchsten Liga Musik

Der berühmte Geigenbauer Antonio Stradivari hat systematisch Holz aus den Höhenlagen der Alpenwälder für seine Instrumente gewählt. Das hat ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung der Eidg. Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft WSL nachgewiesen.

Im Bergwald verbirgt sich ein wertvolles Holz, das nur wenige wirklich kennen: Klangholz. Es ist Fichte vom Feinsten. Wirtschaftlich und imagemässig lohnt es sich für Bergregionen, diesem kostbaren Nischenprodukt Beachtung zu schenken. Im Bild: Eine Geige – allerdings keine Stradivari – im Jahrringlabor der WSL. Die Aussagen zur Holzwahl von Antonio Stradivari stützen sich auf Analysen von 314 Jahrringreihen bei 284 authentischen Geigen des berühmten Instrumentenbauers.
Bild Gottardo Pestalozzi, WSL

 

Was haben Geige, Klavier, Hackbrett, Cello und Gitarre gemeinsam? Sie alle sind Saiteninstrumente und besitzen eine Resonanzplatte aus Fichtenklangholz. Diese dünne Platte bringt die Luft zum Schwingen; erst so können wir Musik hören. Keine Holzart besitzt so hervorragende Klangeigenschaften wie die Fichte.

Die Fichte bietet die beste Kombination von Leichtigkeit, Festigkeit und Elastizität des Holzes. Aber nicht alle Fichten eignen sich für den Instrumentenbau. Auch in Regionen mit potentiell als Fundgebiet geeigneten Wäldern wird nur gerade eine von tausend Fichten als Klangholz selektioniert.


Seltene Kombination von Merkmalen

Der Grund: Die Anforderungen an Fichten, die einmal zum Instrument werden könnten, sind hoch. Ein Klangholzstamm darf im unteren Bereich keine Äste aufweisen, muss frei von Drehwuchs sein und ein regelmässiges Wachstum hinter sich haben, also gleichmässig breite Jahrringe zeigen.

Diese drei Eigenschaften vereint die Natur sehr selten in einem Stamm. Standorte von Klangholz-Fichten liegen zwischen 1100 und 1600 m ü. M. und dazu fast nur in nördlich orientierten Waldbeständen. Das kühle Klima erlaubt dort den Bäumen, die trockensten Jahre ohne merkliche Reduktion des Wachstums zu überstehen.


Stradivari kannte das Geheimnis

Das wusste auch Antonio Stradivari. Seine Instrumente verdanken ihre Qualität nicht nur dem Genie ihres Schöpfers, sondern auch dem mit grosser Sorgfalt ausgewählten Holz: Die Fichten, die er verwendete, stammten aus hochgelegenen alpinen Wäldern, insbesondere im Trentiner Val di Fiemme.

Es stellte sich heraus, dass der Meister aus Cremona systematisch eine besonders homogene Holzqualität auswählte, die ideal für Resonanzböden war. Die in der Zeitschrift ‹Dendrochronologia› veröffentlichte Studie ist die umfangreichste Jahrring-Untersuchung, die jemals zum Werk des Meisters aus Cremona durchgeführt wurde.


Viele Instrumente aus einem Stamm

‹Viele Instrumente weisen sehr ähnliche Ringsequenzen auf. Das deutet darauf hin, dass Stradivari oft Bretter aus demselben Stamm verwendete, um verschiedene Geigen herzustellen, auch wenn sie im Abstand von mehreren Jahren produziert wurden›, erklärt Mauro Bernabei vom italienischen Consiglio nazionale delle ricerche (CNR).

Die Analysen weisen auf die besondere Qualität der in Höhenlagen gewachsenen Fichten (Picea abies) hin, die sehr dünne und regelmässige Jahrringe zeigen. Das verdankten sie den damaligen Wachstumsbedingungen: Die Holzeigenschaften spiegeln das Klima während des Maunder-Minimums (ca. 1645–1715 n.Chr.) – einer Periode, in der die Sonnenaktivität vermindert war und eine allgemeine Abkühlung stattfand.


Bekannte Holzquelle für den Geigenbau

‹Dank Jahrringdaten war schon bekannt, dass viele norditalienische Geigenbauer im 18. Jahrhundert Fichtenholz aus dem Fleimstal nutzten›, sagt Paolo Cherubini, Jahrringforscher an der WSL und Mitautor der Studie. ‹Nun konnten wir dank der Analyse von hunderten Stradivari-Geigen zeigen, dass der Meister in seiner Blütezeit fast nur noch diese Fichten verwendete.›

Die Ergebnisse verfeinern laut der Forschenden das Wissen darüber, wie Stradivari sein Material auswählte. Sie lassen auf ein sehr genaues Bewusstsein des Geigenbauers für die Eigenschaften des Holzes schliessen und bestätigen die Bedeutung der Alpenwälder für die Tradition des Geigenbaus in Cremona.


Links wsl.ch | ‹Holz macht Musik›: Kurzfilm (5 min., Vimeo) von Anthony Edels