Ein Strauss an Ideen für die Zukunft von Notre-Dame

Architekten aus der ganzen Welt bringen Vorschläge, wie Notre-Dame de Paris künftig aussehen könnte. Ein österreichisches Holzbauunternehmen zeigt sich überzeugt, dass sich das Dach mit modernen Mitteln in wenigen Monaten instand setzen liesse. Der Domdekan erwägt derweil einen temporären Kirchenbau aus Holz auf dem Vorplatz der Kathedrale, in dem sich die Gläubigen während des Wiederaufbaus des beschädigten Gotteshauses versammeln können.

Der Vorarlberger Holzbauunternehmer Hubert Rhomberg schlägt den Ersatz des bisherigen kleinteiligen, doppelten Hängewerks aus einer Vielzahl an Sparren, Kehlbalken, Hängesäulen und Streben durch eine vorgefertigte, aufgelöste Fachwerkskonstruktion vor. Darauf könnten vorelementierte Holz-Rippenelemente angebracht werden, die aussen bereits über eine regendichte Dachhaut verfügen. Dieses Vorgehen könnte die Kathedrale rasch wintersicher machen: Rhomberg hält drei Monate ab Baugenehmigung für eine realistische Zeitspanne. Der weitere Dachaufbau und die Dacheindeckung könnten dann nach den Vorgaben und Wünschen von Denkmalschutz und Bauherr realisiert werden. Zum Einsatz käme nicht wie bisher Eiche, sondern Nadelholz wie Fichte, Kiefer oder Tanne. Das würde die Eigenlast der Dachkonstruktion um rund 30% verringern, rechnet Rhomberg vor.
Bilder Dominic Schindler Creations/Rhomberg Bau

 

 

Klar ist: Notre-Dame de Paris soll in neuem Glanz erstehen. Derzeit gibt es aber mit Blick auf den Wiederaufbau der zerstörten Teile noch immer mehr Fragen als Antworten. Vor allem ist nach wie vor unklar, welche Schäden das Mauerwerk genau davongetragen hat und wie es um seine Tragfähigkeit ohne den verlorengegangenen Dachstuhl bestellt ist. Starkwind könnte in dieser Situation zur Belastungsprobe werden.

 

Wiederherstellen oder ganz neu ansetzen?

 

Dann stellt sich auch eine grundsätzliche Frage: Soll man originalgetreu, womöglich wieder mit Eichenholz, nachbauen, was verlorengegangen ist, oder ist die Zeit reif für eine vom Vergangenen unabhängige Konstruktion? Die Bevölkerung soll dabei mitreden können. Der französische Kulturminister Franck Riester sagte Anfang Mai, es werde eine ‹grosse Debatte› darüber geben, wie die Kathedrale in Zukunft aussehen solle. Die Mittel für den Wiederaufbau sind da: über eine Milliarde Euro an Spendengeldern steht schon bereit.

 

Premierminister Édouard Philippe seinerseits hat einen internationalen Architekturwettbewerb für den Wiederaufbau angekündigt, und die Ideen für die zukünftige Erscheinung von Notre-Dame schiessen in der Folge ins Kraut: vom Gewächshaus mit Bienenstock über eine Kristall- oder Buntglasvitrine bis zur UFO-Andockstation reichen die Vorschläge. Dabei bleibt aber die Frage immer offen: Wie lange wird es dauern, bis Notre-Dame ganz wiederhergestellt sein wird? Staatspräsident Macrons Erklärung, es in fünf Jahren schaffen zu wollen, ist zumindest ambitioniert.

 

Kirchen-Provisorium auf dem Vorplatz?

 

Gemäss dem Erzpriester und Domdekan der Kathedrale Notre-Dame, Mgr Patrick Chauvet, ist die Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo bereit, einen Teil des Vorplatzes von Notre-Dame zur Verfügung zu stellen, damit dort eine Kirche auf Zeit entstehen kann – aus Holz, wie Chauvet am 18. April in der Sendung CNEWS vorgeschlagen hat (siehe untenstehenden Link). Der Sinn sei, die Kathedrale Notre-Dame während ihrer Wiederherstellung lebendig zu erhalten, sagte Chauvet.

 

Man könne den Gläubigen, aber auch den Millionen von Touristen, welche sich jedes Jahr vor Ort einfänden, nicht einfach sagen, das Bauwerk bleibe nun für fünf Jahre geschlossen. So habe er sich gefragt, ob man auf dem Vorplatz nicht ‹une cathédrale éphémère› errichten könnte – ein schönes Bauwerk als Symbol von grosser Anziehungskraft.

 

Für eine Rekonstruktion mit französischen Eichen

 

Die Vereinigung französischer Holzingenieure Ingénierie Bois Construction IBC bekräftigt unterdessen, dass der Wiederaufbau der zerstörten Dachstuhl-Konstruktionen mit Holz möglich sei. Man verfüge über detaillierte Kenntnisse dazu; erst 2015 seien letztmals umfassende Erhebungen in dieser Hinsicht erfolgt.

 

Eine Wiederherstellung in identischer Ausführung sei damit machbar. Dieses Vorgehen empfehle sich im übrigen auch in statischer Hinsicht, weil sich die Form der Lastabtragung aus dem Mauerwerk damit nicht verändern würde. Der notwendige Rohstoff – französische Eiche – stehe im Überfluss bereit, und es gebe in Frankreich rund 700 Zimmerleute, welche auf Arbeiten an historischen Bauwerken spezialisiert seien.

 


Links CNEWS vom 18.4.2019 | http://ingenierie-bois-construction.fr/