Lignum Holzwirtschaft Schweiz

Die Schweiz sucht bereits Wege zu negativen CO2-Emissionen

Die Schweiz soll bis 2050 nicht mehr Treibhausgase ausstossen, als natürliche und technische Speicher aufnehmen können. Danach muss die Emissionsentwicklung vermutlich bis Ende des Jahrhunderts netto negativ sein. Wald und Holz sind auch unter dieser Zukunftsperspektive Teil der Lösung.

Auf verschiedene Weise lässt sich der Atmosphäre CO2 entziehen. Dabei erbringen Wald und Holz von Natur aus wesentliche Leistungen.
Grafik Bericht des Bundesrates

 

Der Bundesrat hat an seiner Sitzung von letzter Woche einen Bericht über die Bedeutung negativer Emissionen für die künftige Schweizer Klimapolitik gutgeheissen. Er kommt zum Schluss, dass sie unabdingbar sind, um die langfristigen Klimaziele zu erreichen – dass es also Ansätze dafür braucht, CO2 dauerhaft aus der Atmosphäre zu entfernen.

Der Bericht liefert einen systematischen Überblick der heute bekannten biologischen und technischen Verfahren zur Entnahme und Speicherung von CO2 aus der Atmosphäre. Er zeigt den aktuellen Wissensstand zum Potential dieser Verfahren für die Schweizer Klimapolitik auf und skizziert Handlungsoptionen. Zu den geprüften Ansätzen gehören auch Waldbewirtschaftung und Holznutzung sowie Aufforstung bzw. Wiederaufforstung.


10 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente pro Jahr ab 2050 zu neutralisieren

Unbestritten ist, dass das Schweizer Netto-null-Ziel bei den Treibhausgasemissionen bis 2050 vorrangig durch die Abkehr von fossilen Energieträgern erreicht werden muss. Es werden jedoch schwer vermeidbare Emissionen verbleiben, etwa aus der Landwirtschaft, der Abfallverbrennung oder der Zementproduktion.

In der Schweiz müssen – vorausgesetzt, dass die Emissionen in allen Sektoren massiv reduziert werden – ab 2050 voraussichtlich schätzungsweise rund 10 Mio. Tonnen CO2eq pro Jahr neutralisiert werden. Der Bericht schätzt den Anteil der Zementproduktion daran auf etwa 2 Mio. Tonnen CO2eq/Jahr, den Ausstoss von Kehrichtverbrennung und weiterem Abfall auf 3–3,5 Mio. Tonnen und den der Landwirtschaft auf etwa 4,1 Mio. Tonnen.

Gemäss Bericht bietet eine verbesserte Waldbewirtschaftung kombiniert mit Holznutzung eine theoretische Klimaschutzwirkung von rund 3 Mio. Tonnen CO2eq pro Jahr, wenn im Sinne einer Kaskadennutzung möglichst viel des Zuwachses an Biomasse erst in langlebigen Holzprodukten und anschliessend energetisch für die Erzeugung von Strom oder Wärme genutzt wird.


Holz im Lebenszyklus so lange wie möglich als CO2-Speicher nutzen 

Durch die Kaskadennutzung kann das Holz nicht nur CO2 aus der Atmosphäre als Kohlenstoff speichern, sondern stofflich wie auch als Energieträger zusätzlich fossiles CO2 oder solches aus der Zementproduktion im Umfang von rund 1–2 Mio. Tonnen CO2eq pro Jahr vermeiden – etwa durch den Einsatz von Holz statt Zement als Baustoff oder die Erzeugung von Wärme und Strom aus Holzenergie.

Negative Emissionen werden aber nur durch die zusätzliche und langfristige CO2-Speicherung in Holzprodukten und im Wald erzeugt – der Bericht beziffert sie auf  1–2 Mio. Tonnen CO2eq pro Jahr. Damit wird CO2 über Jahrzehnte bis Jahrhunderte festgesetzt. Wenn das Holz danach jedoch energetisch genutzt wird, geht das gebundene CO2 wieder in die Luft.

Einen Ausweg böte die energetische Verwertung am Ende des Lebenszyklus mit BECCS (Bioenergy with Carbon Capture and Storage). Diese Technologie kombiniert die Nutzung von Bioenergie zur Erzeugung von Wärme und Strom mit der CO2-Abscheidung am Kamin und der anschliessenden geologischen Speicherung im tiefen Untergrund. Heute gibt es in der Schweiz indessen noch keine derartige Anlage.


Bindung von CO2 in bestehendem und neuem Wald als weiterer Beitrag

Der Schweizer Wald hat über die letzten drei Jahrzehnte in den Bäumen und im Waldboden insgesamt rund 2,5 Mio. Tonnen CO2 pro Jahr gebunden. Der Holzvorrat im Wald ist wegen geringer Holzernten bereits relativ hoch, insbesondere in schwer zugänglichen Gebieten.

Zusätzliches Potential aus einer weiteren Erhöhung des Holzvorrats im Wald durch einen (partiellen) Nutzungsverzicht ist gemäss Bericht entsprechend nur an bestimmten Standorten und in dafür geeigneten Waldbeständen vorhanden. Um langfristig negative Emissionen zu generieren, müsste der Vorrat an geeigneten Standorten erhöht und bewahrt werden. Die Holzernte müsste umfassend kaskadenartig genutzt werden, und es bräuchte eine energetische Nutzung mit Abscheidung und Einlagerung des CO2.

Für grossflächige Aufforstungen fehlen in der Schweiz die freien Flächen. Auch die natürliche Wiederbewaldung von aufgegebenen Flächen durch Vergandung öffnet wenig Spielraum, da die Vergandung im Konflikt steht mit anderen politischen Zielen wie regionale Wertschöpfung, Landschaftsbild oder Biodiversität. Es wird jedoch erwartet, dass die Waldfläche im Zuge des Klimawandels zunimmt, da die Waldgrenze im Gebirge um bis zu 500 m ansteigen könnte.


Kostengünstige Lösung – aber Klärungs- und Handlungsbedarf in verschiedener Hinsicht

Die Kosten pro Tonne aus der Atmosphäre entferntes CO2 liegen bei Waldbewirtschaftung und Holznutzung im Vergleich mit anderen Ansätzen eher tief. Herausforderungen bestehen laut Bericht jedoch bei der Bestimmung der Senkenleistung, die im Rahmen von vertieften Lebenszyklusanalysen (Ökobilanzen zu den Umweltauswirkungen über den gesamten Lebensweg) erfolgen muss.

Eine fragmentierte Betrachtung über Teilflächen (Wald) oder Teilmengen (Holz) verursache Schwierigkeiten bei der Abgrenzung und berge das Risiko von Doppelzählungen, so der Bericht weiter. Um das Potential von Waldbewirtschaftung und Holznutzung für die Kohlenstoffspeicherung optimal zu nutzen, gelte es überdies eine stärkere Nachfrage nach Schweizer Holz zu generieren.

Nach Holz generell, möchte man hinzufügen. Denn der Holzbau besetzt trotz stürmischem Wachstum im Segment des mehrgeschossigen Bauens mit rund 15% Martkanteil erst eine Nische. Wenn der Politik daran gelegen ist, die Weichen für eine klimaneutrale Zukunft richtig zu stellen, gehört eine verstärkte Förderung des Bauens mit Holz sicher weit oben auf die Agenda.

 

Link Bundesrätlicher Bericht ‹Negative Emissionen› (PDF, 2.02 MB)