Viel Holz für die Formel E in Zürich

Am Sonntag flitzt die Formel E durch Zürich. Damit findet in der Schweiz erstmals seit 1954 wieder ein Grand-Prix-Rennen einer internationalen Rennserie statt. Die Veranstalter rechnen mit rund 150000 Zuschauern entlang der Rennstrecke. Die benötigte Infrastruktur entstand in kürzester Zeit im Holzbau. Selbst die Boxen für die Rennwagen sind aus Holz.

Spektakuläre Brücke des Startgebäudes über der Rennstrecke der Formel-E am Zürcher Mythenquai (Aufnahme vom letzten Sonntag, oben) und Boxen-Gebäude im Bau (Mitte und unten; Aufnahmen von gestern Mittwoch). Erst aus der Distanz werden die enormen Ausmasse der ‹Pit Lane› deutlich: Sie erstreckt sich über die ganze Länge des Hafens Enge.
Bilder Michael Meuter, Zürich

 

 

Das Zürcher Enge-Quartier befindet sich in diesen Tagen im Ausnahmezustand. Betonelemente und Absperrgitter säumen über Hunderte von Metern zwei Strassenzüge mit langen Geraden – ideal für Rennzwecke. Bauhelme, Leuchtwesten und Krawatten wimmeln durcheinander. Bauarbeiter, Ordnungspersonal und Funktionäre – sie alle sind damit beschäftigt, einem Grossanlass den letzten Schliff zu geben, der am Wochenende für einen Besucheransturm sorgen wird: dem Rennen der Formel E.

 

Bis morgen abend um sieben rollt auf dem Mythenquai und in der Alfred-Escher-Strasse noch der normale Verkehr, aber am Sonntag wird hier kein einziger Auspuffträger mehr Gas geben – sondern Kraftpakete auf vier Rädern, die ihre Leistung aus der Steckdose ziehen. In der vierten Ausgabe der Formel-E-Meisterschaft treten zehn Teams und 20 Fahrer in zehn Städten auf fünf Kontinenten gegeneinander an. Die Saison 2017/18 wurde Anfang Dezember mit einem zweitägigen Rennen in Hongkong eröffnet; sie endet im Juli in New York.

 

Grossauftrag für Ostschweizer Holzbauer

 

Die benötigte Infrastruktur für das Rennen in Zürich wird im Holzbau errichtet. Dass die Bauten aus nachwachsendem, klimafreundlichem und wiederverwendbarem Rohstoff entstehen, ist Teil der CO2-Kompensationsstrategie des Events. Erstellt wurden die Gebäude ganz kurzfristig vor dem Start. Pascal Derron, Cheforganisator des Rennens, hat sich persönlich für Holz anstelle der sonst üblichen Zelte entschieden. Die Stärken des Material – zu denen nicht zuletzt auch der Vorteil der sehr kurzen Bauzeit zählt – sind ihm geläufig: Er ist ausgebildeter Holzbauingenieur.

 

Geplant, gefertigt, aufgerichtet und am Ende auch wieder abgebaut werden die benötigten Bauten von der Firma Blumer-Lehmann AG aus Gossau im Kanton St. Gallen, wie die ‹Gossauer Nachrichten› unlängst zu berichten wussten. Das spektakulär über die Rennstrecke gebaute Startgebäude wie auch ein dreigeschossiger Eventpavillon standen bereits am letzten Sonntag. Der Aufbau des langgezogenen Boxengebäudes am Hafen Enge mit zehn Garagen und einem Obergeschoss für 1000 Zuschauer folgte von Montag bis Mittwoch.

 

Bauablauf auf die Minute genau geplant

 

‹Bei diesem Auftrag liegt die besondere Herausforderung beim zeitlichen Faktor, denn der Aufbau muss innert drei Tagen erfolgen, und es gibt keine Verschiebemöglichkeit. Jeder Schritt ist auf die Minute durchgeplant›, erklärte Richard Jussel, Geschäftsführer der Blumer-Lehmann AG, der Lokalzeitung.

 

Da es für den Grossauftrag in Millionenhöhe praktisch keine Vorlaufzeit gegeben habe, hätten Statikberechnungen, Montageplanung, Organisation, Logistik und Materialbeschaffung praktisch vollständig parallel laufen müssen. Der Aufbau der Boxen musste bis gestern abend abgeschlossen sein: dann zogen die Teams mit ihren Boliden ein. So standen etwa 30 Mitarbeiter und vier Kräne Tag und Nacht im Einsatz, um den Holzbau termingerecht zu schaffen.

 

Publikumsknüller als Schaufenster für E-Mobilität

 

Man braucht kein Hellseher zu sein, um vorauszusagen, dass das Zürcher E-Rennen vom Sonntag ein riesiger Publikumserfolg wird, auch wenn in der Stadt nicht alle gleichermassen vom Anlass begeistert sind. Vor allem Anwohner äussern sich in den Medien kritisch.

 

Positiv fällt jedoch ins Gewicht, dass die emotionale Breitenwirkung des Rennens durchaus dazu beitragen mag, die Elektromobilität in den Augen der Schweizerinnen und Schweizer attraktiver zu machen. Und das ist schliesslich erwünscht: Bis 2022 soll der Anteil von Elektrofahrzeugen hierzulande bei Neuzulassungen auf 15% steigen, wenn es nach den Vorstellungen des Bundesrates geht. Derzeit erreicht er gerade einmal 2,7%.

 

ETH mit von der Partie

 

Die Formel E hat denn auch den Anspruch, mehr zu bieten als ein Sportspektakel. Sie versteht sich als Plattform, um Elektrotechnologie für die Strasse zu entwickeln und zu testen und den Transformationsprozess in Richtung sauberer Mobiliät zu beschleunigen. So engagiert sich auch die ETH Zürich im Rahmenprogramm des Rennens, den ‹eDays›, welche das Mobilitätsthema ins Zentrum rücken.

 

‹Eine Mobilität, die klimaschonend, energieeffizient und zahlbar zugleich ist, ist ein zentrales Thema an der ETH Zürich›, hält ETH-Präsident Lino Guzzella fest. ‹Das Formel-E-Rennen in Zürich ist über den sportlichen Wettbewerb hinaus eine Chance, sich damit auseinanderzusetzen.› Morgen Freitag organisiert die ETH ein ganztägiges Symposium. Am Rennwochenende präsentieren Studierende zukunftsweisende Projekte im E-Village auf dem Festgelände.

 


Links www.zuricheprix.ch | https://edays.ch