Rotkreuz: Holz-Zehngeschosser im Rohbau fertig

Derzeit entsteht das erste Holz-Hochhaus der Schweiz in Risch Rotkreuz im Kanton Zug. Am 26. September luden Bauherrschaft und Planer gemeinsam zur Begehung der Baustelle ein. Das Interesse war riesig: Schätzungsweise 300 Baufachleute fanden sich vor Ort ein. Zwischenbericht von einem der derzeit spannendsten Projekte mit Holz.

Erstes Holz-Hochhaus der Schweiz, Risch Rotkreuz, 2017
Bauherrschaft: Zug Estates AG, Zug
Architektur und Generalplanung: Burkard Meyer Architekten BSA AG, Baden
Brandschutzkonzept: Makiol Wiederkehr AG, Ingenieure Holzbau Brandschutz, Beinwil am See
Holzbauingenieure, Systementwicklung und Realisierung: Erne AG Holzbau, Laufenburg
Volumen: 70000 m3 | Geschossfläche: 17900 m2
Bauzeit: 22 Monate (Planungsbeginn: August 2015 | Baubewilligung: 26. Juli 2016 | Baubeginn Rohbau: 28. November 2016 | Beginn Holzbau 1. OG: Mitte Mai 2017 | Holzelementbau aufgerichtet: Mitte September 2017 | Bezug Ankermieter 6.–9. OG: 1. Juli 2018)
Oben: Noch verbirgt sich das erste Holz-Hochhaus der Schweiz hinter einem Gerüst. Mitte und unten: Nach dem Empfang im betonierten Erdgeschoss warten die darüberliegenden Stockwerke mit einer raumprägenden Holzkonstruktion auf, in der auch BauBuche zum Einsatz kommt.
Bilder Michael Meuter, Zürich

 

 

Wenn man vom Bahnhof Rotkreuz ins neue Quartier ‹Suurstoffi› eintaucht, erfasst einen bereits nach wenigen Metern der Puls internationaler Dynamik. Von der Fassade eines hohen Gebäudes grüsst das Logo von Novartis, und die sportlichen Frauen, die ihre Kinder vor einem nigelnagelneuen Schulgebäude aus dem Wagen steigen lassen, verabschieden den Nachwuchs in eindeutig amerikanischem Englisch.

 

Auf dem ehemaligen Industrieareal ‹Suurstoffi› wächst derzeit Stück um Stück ein neues Quartier, in dem sich Wohnen, Arbeiten und Freizeitaktivitäten miteinander verbinden. Überall wird gebaut. Im Endausbau wird die ‹Suurstoffi› Raum für 1500 Bewohner und über 2500 Arbeitsplätze bieten. Zudem werden rund 2000 Schüler und Studenten auf dem Areal ein und aus gehen.

 

Schweizer Premiere auf Baufeld 22

 

Die in Zug ansässige Zug Estates Gruppe zeichnet für die integrale Entwicklung des 10 ha grossen Quartiers verantwortlich. Die Bebauung ist dicht, aber nicht erdrückend. Was auf dem Areal an Bauten entsteht, hat Klasse – auch die Wohnungen. Sie gehen weg wie warme Semmeln. Auch der Holzbau hat Anteil an diesem Erfolg: Auf dem nördlichen Arealteil sind 2013–2014 neun Gebäude mit insgesamt 156 Wohneinheiten im Holzelement- sowie im Holz-Hybridbau entstanden.

 

Und nun erhebt sich auf dem Baufeld 22 eine nationale Premiere: das erste Holz-Hochhaus. Seit 2015 ist hierzulande von den Brandschutzvorschriften her die Anwendung von Holz in allen Gebäudekategorien und Nutzungen zugelassen. Selbst Hochhäuser mit Holzbauteilen sind jetzt möglich. Die Holz-Beton-Verbundkonstruktion des Bürogebäudes, das in der ‹Suurstoffi› entsteht, ist mit ihren zehn Geschossen das erste Hochhaus in Holzbauweise der Schweiz.

 

Das aufgrund seines Standorts kurz ‹S22› genannte Gebäude ist, wie Brandschutzplaner Reinhard Wiederkehr (Makiol Wiederkehr AG, Beinwil am See) bei der Begehung des Baus am 26. September festhielt, mit seiner Höhe von 36 m zwar baurechtlich ein echtes Hochhaus, aber keines, das mit internationalen Ikonen dieser Gattung um Rekorde wetteifern will. Es zeige, wie behutsam und solide die Holzbaubranche in der Nutzung der neuen Möglichkeiten vorgehe: Man suche nicht auf Biegen und Brechen das Maximum um des Showeffekts willen, sondern entwickle das Bauen mit Holz auf sicherem Grund Schritt um Schritt stetig weiter.

 

BauBuche im tragenden Einsatz

 

In dem Bau, für dessen Brandsicherheit ein Löschanlagenkonzept sorgt, verschränken sich zwei verschieden hohe Volumen. Der niedrigere Teil mit Innenhof stellt den Bezug zu den umliegenden Bauten her, während der bahnseitige Turm mit dem Eingang Präsenz markiert. Nicht nur die Konstruktion besteht zu einem wesentlichen Teil aus Holz, sondern auch die inneren Oberflächen lassen das Material in vielerlei Art sichtbar werden. Das Zusammenspiel von Holz und Beton prägt den Charakter der Räume.

 

Der Holzbau entwickelt sich auf der Basis eines betonierten Erdgeschosses und umschliesst dabei zwei ebenfalls in Beton ausgeführte Erschliessungskerne. Stützen und Unterzüge der primären Tragkonstruktion sind in hochfestem und -belastbarem Buchen-Furnierschichtholz ausgeführt; fassadenseitig sind die Stützen aus Fichte/Tanne. Die thermisch aktivierbaren Decken beruhen auf einem innovativen Holz-Beton-Verbund. In der Fassade, deren Elemente bis hin zur Integration der Fenster vorgefertigt wurden, sind die Holzbauteile aus Brandschutzgründen mit nichtbrennbaren Bekleidungen beplankt. Am Ende wird eine matte Alucobond-Hülle die beiden Baukörper umschliessen.

 

Insgesamt wurden etwa 1500 m3 Holz verbaut. Hätte man alle Balken aneinandergelegt, die nun im Rohbau des Hochhauses stecken, so hätte sich eine Strecke von 50 km ergeben, merkte der Architekt Thomas Wernli an, der die Fäden als Gesamtprojektleiter bei Burkard Meyer Achitekten aus Baden zusammenhält. Burkard Meyer tritt als Generalplaner auf. Das Holzbau-System wurde von Erne AG Holzbau (Laufenburg) entwickelt, wo auch die rund 1400 benötigten Decken- und Fassadenelemente entstanden. Sie gelangten nach Abruf auf die Baustelle. Über vier Monate hinweg wuchs der Bau so alle zehn Arbeitstage um ein Geschoss.

 

Zeitvorteil dank Holz und BIM

 

Die gewählte Bauweise sorgt beim Holz-Hochhaus in Risch Rotkreuz für eine vier bis sechs Monate kürzere Bauzeit als bei einer Realisierung im Massivbau. Dieser Zeitvorteil war für Zug Estates als Bauherrschaft mit Blick auf die Vermarktung entscheidend, wie Tobias Achermann vor Ort erklärte: Das Biotechnologieunternehmen Amgen verlagert seinen europäischen Hauptsitz nur deshalb im Sommer 2018 als Ankermieter in die ‹Suurstoffi›, weil man den Termin für den Einzug fest habe zusagen können.

 

Möglich macht den Zeitgewinn eine schlanke, effiziente Planungsorganisation mit einem Minimum an Schnittstellen. Der enge Terminplan erforderte einen hohen Vorfertigungsgrad, eine rasche Montage und infolgedessen absolute Präzision. Gebaut wurde und wird mit Building Information Modelling (BIM): Alle Planer bis hin zur Haustechnik arbeiten in 3D. Noch bevor sich auf der Baustelle etwas bewegte, wurde das Vorgehen bis ins Detail im digitalen Modell festgelegt. Friktionen liessen sich dabei schon im Vorfeld erkennen und beheben.

 

Bei grösseren Holzbauten ist oft die Rede von höheren Kosten im Vergleich mit einer massiven Bauweise. Das ist beim 55-Millionen-Bau S22 klar nicht der Fall. ‹Es ist uns gelungen zu beweisen, dass diese Bauweise auch wirtschaftlich sinnvoll ist›, erklärte Patrick Suter von Erne AG Holzbau nicht ohne Stolz gegenüber dem Schweizer Fernsehen, das er am selben Tag über die Baustelle führte. Damit zeigt sich der wegweisende Bau als rundum nachhaltig: Er ist dank dem Einsatz eines nachwachsenden und CO2 bindenden Materials nicht nur ökologisch vorbildlich und schafft hohen gesellschaftlichen Nutzen im Bau wie im Betrieb, sondern hält auch einer ökonomischen Prüfung stand.

 


Links www.suurstoffi.ch | www.zugestates.ch | www.burkardmeyer.ch | www.erne.net | www.holzbauing.ch | Fernsehbericht ‹Schweiz aktuell›, 26.9.2017